05.Aug 2021

Warum Daten nicht nur offen sondern auch nutzbar sein müssen

Wir haben ein Recht auf Informationen. Öffentliche Institutionen sind, mit Einschränkungen, dazu verpflichtet Informationen, bspw. in Form von offenen Daten, herauszugeben. Offene Daten bieten Transparenz. Diese neu gewonnene Transparenz kann dafür sorgen, dass Korruption erschwert wird, Entscheidungen nachvollziehbar werden und so neues Vertrauen in Politik und Verwaltung gewonnen werden kann. Vor allem aber wird dank offener Daten die Chance zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und Innovationen ermöglicht. Das Problem ist nur, dass die Debatte um offen zugängliche Daten oft nur in der Technologie-Blase und dadurch nur stark verkürzt geführt wird. Zwei Themen gilt es dabei zu fokussieren: Daten müssen überhaupt erstmal verfügbar sein. Aber sie müssen auch nutzbar sein – für alle.

Vor dem Recht auf Zugang zu Informationen sind nicht alle gleich

Das Recht auf Zugang zu Informationen ist notwendig und existenziell für eine funktionierende Demokratie. Aber gilt das für alle gleichermaßen?

Stell dir vor, du hast ein Recht auf eine Insel. Sie ist – natürlich – von Wasser umgeben. Du hast zwei Optionen, um dein Eiland zu betreten: Du kaufst dir ein Boot oder du schwimmst. Boote sind mitunter kostspielig und du brauchst einen Führerschein. Kein Problem, dir bleibt ja das Schwimmen. Aber was ist, wenn die Strecke zum Schwimmen zu weit ist? Oder vielleicht kannst du auch gar nicht schwimmen? Pech gehabt. Was bringt dir nun das Recht auf deine Insel?

Wie dir in diesem stark vereinfachten Beispiel geht es vielen Menschen mit offenen Daten. Einigen fehlen die technischen Fähigkeiten, auf Daten zuzugreifen und sie statistisch korrekt auszuwerten. Andere können sinnvolle von sinnlosen Informationen in den Daten nicht unterscheiden – woher auch?

Wenn die Diskussion zu Informationsfreiheit und offenen Daten geführt wird, wird häufig davon ausgegangen, dass maschinell lesbare Daten optimal sind. Sie sind da und nutzbar, aber das ist Blasendenken. Denn am Ende muss ein Mensch die Daten auslesen können, es braucht also stattdessen menschenlesbare Daten.

Digitale Ungleichheit

Das World Economic Forum hat in seinem Global Risk Report 2021 die wachsende digitale Ungleichheit auf Platz 7 von insgesamt 35 Risiken gesetzt. Laut dem Report fördert das nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich, sondern befeuert auch Missinformation. Das finde ich verrückt, denn heutzutage haben wir einen so großen Zugang zu Daten wie noch nie in der Geschichte. Aber oftmals können diesen vor allem Privilegierte nutzen, also Menschen, die wissen, wie sie mit modernen Technologien arbeiten, wie sie Daten zu interpretieren haben und welchen Nutzen – aber auch welche Risiken – diese mit sich bringen.

Warum es wichtig ist, dass offene Daten zugänglich, nutzbar und verstehbar sind, hat Eileen Wagner bereits 2017 in ihrem TEDx Talk “From Open Data to Open Knowledge” erklärt:

Fokus auf Zero-Knowledge-Tools

Mit OpenSpaceData wollen wir die Welt der offenen Satellitendaten demokratisieren. Öffentliche Weltraumorganisationen, wie die ESA, die NASA oder auch die JAXA, stellen in Nah-Echtzeit einen Großteil ihrer Satellitendaten offen zur Verfügung. Jede*r von uns kann sie nutzen, unabhängig vom Einkommen oder der Herkunft.

Satellitendaten bieten unglaubliche Möglichkeiten und einen unerschöpflichen Wissensschatz über unsere Umwelt und deren Bewohner*innen. So können wir beispielsweise mit den Sentinel-Satelliten der Europäischen Weltraumagenturen Vegetationsveränderungen von Wäldern oder auch Agrarflächen beobachten. Was erstmal banal klingt, eröffnet uns unglaubliche Möglichkeiten. Diese Informationen bieten ein riesiges Archiv über das Ernteverhalten von Bauern und Bäuerinnen: Wie stark hat sich aufgrund von Witterung und klimatischen Veränderungen zum Beispiel der Erntezeitpunkt verschoben? Wir können aber auch urbane Entwicklungen beobachten oder sehen, an welchen Grenzen Militärbasen expandieren oder gar neue entstehen. All diese Informationen stehen nicht nur dem Militär oder einigen Wissenschaftler*innen zur Verfügung sondern uns allen. Wir sollten sie nutzen und vor allem Tools entwickeln, die es allen ermöglichen, diese Daten uneingeschränkt zu nutzen. Ich bin überzeugt davon, dass jede*r von diesen Daten profitieren kann, egal ob Schüler*in, Journalist*in, Aktivist*in, Politiker*in, Bürgerwissenschaftler*in etc. – ich könnte diese Liste endlos weiterführen.

Benjamin Strick, Investigations Director beim Centre for Information Resilience (CIR) nutzt offene Erdbeobachtungsdaten beispielsweise dafür, kriegerische Handlungen und Kriegsverbrechen aufzuklären:

Unser Ansatz mit OpenSpaceData

Es gibt bereits großartige Tools, die den Zugang zu Erdbeobachtungsdaten erleichtern. Meist richten diese sich aber an professionelle Nutzer*innen. Einige sprechen in der Kommunikation zwar auch Einsteiger*innen an, gehen letztlich aber immer einen Kompromiss ein: effiziente Tools für professionelle Anwender*innen vs. maximal einfache Benutzeroberfläche für Einsteiger*innen.

OpenSpaceData (OSD) richtet sich explizit und ausschließlich an Erstanwender*innen, muss also bezogen auf professionelle Anwender*innen keine Kompromisse eingehen.

Was heißt das nun genau? Natürlich wollen wir kein weiteres Tool liefern, welches den Nutzer*innen alle Bearbeitungs- und Analyseschritte abnimmt . Ein großer Unterschied zu anderen Tools, neben der Priorisierung der Zielgruppe auf Erstanwender*innen, ist, dass wir Menschen „empowern“ möchten. Nicht nur mit der Leistung, Daten bereitzustellen, sondern auch mit dem Aufbauen von Kompetenzen.

„Bildung” ist hier das Stichwort. Wir liefern den Nutzer*innen die richtigen Daten und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie sie die Daten bearbeiten und anschließend die richtigen Informationen aus ihnen entnehmen können. Unser Ziel ist, dass sie, nachdem sie ein- bis zweimal mit OSD gearbeitet haben, selbstständig weiter gehen können und genug Grundlagenwissen im Umgang mit Erdbeobachtungsdaten aufgebaut haben, um mit professionelleren Tools weiterzuarbeiten.

Ein wesentlicher Punkt unserer Strategie ist: Wir bieten einen möglichst einfachen Zugang für Erstanwender*innen und setzen nicht darauf, dass die Nutzer*innen dauerhaft mit unserer Lösung arbeiten. Wir haben Erfolg mit unserem Projekt, wenn Nutzende anschließend auf professionelle Anwendungen umsteigen können.

Wie funktionert OpenSpaceData?

Wir setzen keinerlei Programmierfähigkeiten oder Vorkenntnisse zu Erdbeobachtungsdaten voraus. Das Interface spricht eine möglichst einfache Sprache und überfällt weder mit Fachbegriffen, noch benötigt es komplexe Eingaben.


Interaktiver Wireframe des geplanten Interfaces für OpenSpaceData

Die Nutzenden muss nur drei Fragen beantworten:

  1. Was möchte ich analysieren? Hier können die Nutzer*innen aus verschiedenen, vordefinierten Use Cases wählen, beispielsweise ob die Gesundheit der Vegetation ermittelt werden soll oder auch die Auswirkungen der Dürre auf einen bestimmten See.
  2. Welches Gebiet möchte ich analysieren? Die Nutzenden haben die Möglichkeit, einen Ort auszuwählen, der analysiert werden soll. Das funktioniert über ein einfaches Suchfeld, ähnlich wie man es von Google Maps oder OpenStreetMap auch kennt.

Und zu guter Letzt: 3. Welcher Zeitraum soll analysiert werden? Die Erde verändert sich ständig, deshalb müssen Satellitendaten immer in einem zeitlichen Kontext gesehen werden. Nutzer*innen können angeben, ob sie die aktuellsten Daten möchten oder die Daten eines bestimmten Zeitraums, beispielsweise aus dem Mai 2008.

Unsere Software sorgt nun dafür, dass Nutzer*innen das bestmögliche Satellitenbild bekommen und stellt eine Anleitung bereit, in der Schritt für Schritt beschrieben wird, wie die Daten analysiert und anschließend die richtigen Erkenntnisse daraus abgeleitet werden können.

Fazit

Data Literacy ist eines der Themen, um allen die Möglichkeit zu geben, an einer sozial- und klimagerechteren Zukunft mitzuwirken. Aber wir dürfen die Debatte um Datenkompetenz nicht immer aus einer privilegierten Blase heraus führen. Vielmehr muss dafür gesorgt werden, dass niemand abgehängt wird. Alle müssen mitgenommen werden – unabhängig von ihren Fähigkeiten oder dem finanziellen Einkommen. Dafür braucht es einfach zu bedienende Tools, die die Nutzer*innen praktisch im Alltag oder bei Recherchen unterstützen und die auf technische Sprache verzichten: Interfaces für Menschen, statt Daten für Maschinen. Natürlich bedingt das eine das andere, aber die Priorität muss auf der Verständlichkeit und Zugänglichkeit für alle liegen.

 

Niklas Jordan ist Softwareentwickler. Mit OpenSpaceData leitet er eine internationale Gemeinschaft von Designer*innen, Entwickler*innen, Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen, die Tools entwickeln, um Menschen in Krisensituationen zu unterstützen.

Warum Daten nicht nur offen sondern auch nutzbar sein müssen