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Prototype Blog · 2weeks

Menschen, Bäume, Tastaturen

Am 17. und 18. November fand in Berlin erstmals “Bits und Bäume – die Konferenz für Digitalisierung und Nachhaltigkeit” statt. Disclaimer: Sie wurde von einem Trägerkreis organisiert, in dem auch unsere Mutterorganisation OKF vertreten ist.

Wie war’s?

Ein rappelvolles Programm aus Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops mit bis zu 8 gleichzeitigen Tracks sorgte für chronische FOMO, hinzu kam ein großer Ausstellungsbereich für Digital- und Nachhaltigkeitsprojekte aller Art. Die eher düstere TU Berlin wurde mit bunten Lichtern aufgehübscht, eine Küfa sorgte für ein angemessen graswurzeliges Grundgefühl. Am Ende war es eine Mischung aus Konferenz und Klassentreffen: Viele altbekannte Gesichter und auch einige ehemalige Prototype-Projekte waren vor Ort. Wer sich digital engagiert, engagiert sich oft auch darüber hinaus und möchte die Welt verbessern – nicht nur mit Code.

Warum Digitalisierung und Nachhaltigkeit?

Die Nachhaltigkeitsbewegung (bzw. “die Ökos”) hat sich über die Jahrzehnte zu einem breiten Bündnis aus etablierten Organisationen gemausert, das Aktivismus und Realpolitik gleichermaßen gestaltet. Umweltschutz, Klimawandel, Recycling, Degrowth, Schonung natürlicher Ressourcen – mit all diesen wichtigen Themen und mehr setzt sich die Bewegung auseinander. Ihre Stärke liegt in der ganzheitlichen Betrachtung einer ganzen Reihe von globalen Herausforderungen: Wie können wir bestmögliche Ergebnisse in den einzelnen Feldern erzielen, ohne dass es in anderen Feldern zu Rebound-Effekten kommt?

Das ganze Thema Digitalisierung (was unter diesem Begriff verstanden wurde, hat die Konferenz gekonnt nicht thematisiert) ist in der Nachhaltigkeitsbewegung aber bisher kaum aktiv aufgegriffen worden. Und das, obwohl die Bits & Bytes ganz klar auch eine materielle Grundlage haben. Hier klafft eine wachsende Lücke in der ganzheitlichen Betrachtung.

Gleichzeitig ist eben diese Betrachtungsweise etwas, was den diversen digitalen Organisationen und Interessensgruppen (a.k.a. “die Techies”) noch fehlt: Während wir uns über BSD-Varianten in die Haare kriegen und Free-oder-Open-Diskussionen führen, geht da draußen unser schöner Planet den Bach hinunter, und wir lachen zwar über die Bitcoin-Bros, opponieren aber nicht offen gegen ihre Basistechnologie, auch wenn diese pro Jahr doppelt so viel Strom verbraucht wie Schottland – konservativ geschätzt.

Der logische Schritt: Akteur*innen aus dem digitalen Bereich, der überwiegend durch Vereine, NGOs und einige wenige alternative Unternehmen abgedeckt wurde, in die Diskussion der Nachhaltigkeitsbewegung holen und eine Konferenz als Kennenlernveranstaltung abhalten.

Die Antwort ist nicht mehr 42, sondern “Open”

Ein Konzept eint Ökos und Techies: Die Commons. Und da kommen natürlich auch wir ins Spiel. Während in der Nachhaltigkeitsbewegung mit diesem Begriff zum Beispiel nicht-patentierbares Saatgut oder öffentliche Güter gemeint sind, ist es im digitalen Bereich offenes Wissen, frei lizenzierte Daten, Bilder, Musik – und natürlich freie und Open-Source-Software und -Hardware. In einer gerechten und nachhaltigen (oder, wie wir gelernt haben, “enkeltauglichen”) Welt ist kein Platz für geplante Obsoleszenz oder forcierte Obsoleszenz durch fehlende Software-Updates, für nicht-reparierbare Hardware und auch nicht für Datensilos und Überwachungskapitalismus. Prototype-Projekte wie frab, Grouprise (ehemals Stadtgestalten) und Hardware-Projekte wie iFixit oder fairlötet leben den Opensource-Gedanken und machen vor, wie nachhaltige Alternativen zu bestehenden Lösungen aussehen können. Jetzt müssen wir nur diese Angebote auch nutzen.

Exit-Strategien für beide Seiten

Sowohl Techies als auch Ökos, so zeigte sich während der Konferenz, haben schlechte Gewohnheiten:
Bei den Techies ist es der Hang zum Early-Adoptertum. Die Liebe zum Gerät führt dazu, die Produktionsumstände eher zu ignorieren und sich an der Performance zu erfreuen. Aber wir sind super in Datensparsamkeit, Datenschutz und Open Alles.
Bei den Ökos ist es die wenig reflektierte Nutzung von Facebook und Co., die für ihre öffentlichkeitswirksamen Kampagnen unverzichtbar scheinen. Dafür ist das Bewusstsein über den materiellen Verbrauch und die Bereitschaft zum Verzicht umso größer. Rebound-Effekte galore also!

Deshalb war es nur logisch, gemeinsam “Exit-Strategien” zu besprechen: Mit welchen konkreten Schritten kann ich mein Verhalten anpassen, um auch im großen Ganzen wirksam zu handeln, nicht nur in eine Richtung? Freie Betriebssysteme nutzen, die nicht so ressourcenhungrig sind wie proprietäre Software, so dass auch ältere Hardware länger genutzt werden kann. Kampagnen nicht ausschließlich über Twitter laufen lassen, sondern Mastodon nutzen. Beim nächsten Gadget überlegen, ob es wirklich nötig ist. Fairen Lötzinn verwenden. Lokal kaufen statt bei Amazon, das nicht nur wegen Verpackungsmüll und Umweltschädigung durch kurze Lieferfristen in der Kritik steht, sondern auch viele Mitarbeiter*innen überwacht wie kaum ein anderes Unternehmen. Das Facebook-Profil löschen. Es fängt im Kleinen an!

Oh nein, ich hab’s verpasst! Was nun?

Das konkrete Ergebnis von Bits und Bäume waren die politischen Forderungen, die der Trägerkreis am Ende der Konferenz präsentierte. Einen großen Teil der Vorträge und Diskussionen könnt hier angucken. Vielleicht gibt es ja ein Bits und Bäume reloaded!

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